Neuroorthopädie

Die Neuroorthopädie befasst sich mit der Erkennung und Behandlung von Funktionsstörungen an Muskeln, Knochen und Gelenken, die durch Erkrankungen und Verletzungen von Nerven oder des zentralen Nervensystems verursacht sind.

Neurologische Funktionsstörungen führen häufig zu orthopädischen Problemen.

Hierzu gehören zum Beispiel Lähmungen oder Spastiken bestimmter Muskelgruppen, die als Folge von Schlaganfällen, Hirnverletzungen oder Verletzungen des Rückenmarks auftreten können.

Weitere Beispiele für neurologische Erkrankungen mit orthopädischen Konsequenzen sind u.a. die

Fehlbildungsskoliose (kongenitale Skoliose) durch angeborene Wirbelfehlbildungen, z.B. Klippel-Feil-Syndrom (Fehlbildung der Halswirbelsäule), die Meningomyolocele (Spina bifida: angeborene Spaltbildung der Wirbelsäule)

Neuropathische Skoliose durch Nerven- und Muskelerkrankungen, wie z.B. Zerebralparesen, spinale Muskelatrophien, und Kinderlähmung ( Poliomyelitis)

Myopathische Skoliose durch Muskeldystrophien (z.B. Typ Dychenne) oder Arthrogrypose

Bei Kindern und Erwachsenen mit Erkrankungen des Nervensystems können einerseits die mangelhafte Steuerung der beidseitigen Extremitäten- und Rumpfmuskulatur und andererseits die gestörte Oberflächen- und Tiefenwahrnehmung zu verschiedenen Auswirkungen auf den Bewegungsapparat führen:

  • Muskelschwäche und Muskeltonuserhöhung wie Spastik und Dyskinesie
  • mangelhafte Kopfkontrolle
  • Rumpfinstabilität und progrediente Skoliose
  • Hyperlordose der LWS
  • Hüftgelenkinstabilität und progrediente Hüftluxation
  • grobmotorische Asymmetrie
  • Überaktivität der Hüftadduktoren, Hüftinnenrotatoren und Hüftflexoren mit Steh- und Gehunfähigkeit
  • Überaktivität der Knieflexoren mit Entwicklung einer Kniebeuge-Kapselkontraktur
  • Entwicklung von Spitz-/Platt-/Hohl-/Klumpfuß
  • Funktionelle, evtl. bei autonomen Störungen anatomische Beinlängendifferenz
  • Handgelenk- und Ellbogenflexion, Handgelenkpronation, Schulteradduktion und Schulterinnenrotation mit Greif- und Stützstörung und Entwicklung progredienter Gelenkkapsel-Beugekontrakturen

 

Die Therapieziele neuroorthopädietechnischer Behandlungen sind somit:

  • frühestmögliche Förderung von Motorik, Sensorik, Koordination und Kognition zur Vermeidung drohender Komplikationen mit zunehmendem Alter wie Kontrakturen, Gelenkdeformitäten und Skoliosen
  • Behandlung jeder Muskelimbalance, sobald diese symptomatisch ist
  • Prävention struktureller Muskelverkürzungen und Gelenkveränderungen der UE und OE
  • generelle Tonusreduktion
  • weitgehende Muskelbalance an der UE
  • Stabilisierung beider USG, Knie- und Hüftgelenke
  • Stabilisierung des Rumpfes und der Wirbelsäule
  • stabile Gewichtsübernahme und Transfer-Steh- oder effiziente Gehfähigkeit
  • weitgehende Muskelbalance an der OE

Um diese Ziele zu erreichen, werden je nach Schweregrad, und Alter sowie Lähmungsqualität (Spastik, Dystonie, Hypotonie, Ataxie, Rigor) unterschiedliche Hilfsmittel wie Lagerungsorthesen für die untere und obere Extremität, Ganzkörperlagerungsorthesen, Sitzschalen, Stehorthesen, Stehständer, Stehbretter und Funktionsgehorthesen, Gehtrainer, Rollatoren, Buggys, Rollstühle, E-Rollstühle, stützende Mieder oder Korsette und Funktionsorthesen für die Arme und Hände für den Patienten individuell angepasst.

Die Unterweisung bzw. das Anlernen der Eltern und Angehörigen im Handling, Lagern, Hilfsmittelanwendung und der täglichen Übungseinheiten sind unabdingbar für einen Therapieerfolg.

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